Elenas persönliche Geschichte

Hier möchte ich eine ganz besondere Geschichte teilen – die von Elena, einer treuen Podcast-Hörerin. Ihre Geschichte soll einmal mehr verdeutlichen, wie langwierig, schmerzhaft und voller Hürden eine Kinderwunschreise sein kann. Trotz aller finanziellen, mentalen und körperlichen Anstrengungen hat es für sie nicht zum ersehnten Ziel geführt.

Mit Elenas Erzählung möchte ich aufzeigen, dass Kinderwunsch weit mehr ist als „einfach nur wollen“ oder „ein bisschen entspannen“. Solche gut gemeinten Ratschläge, wie „Wenn du nur mehr willst“ oder „Ein Urlaub wird es richten“, können nur wenig Verständnis für die tatsächliche Realität hinter dem Wunsch nach einem Kind aufbringen. Wer Elenas Geschichte liest, wird verstehen, dass Kinderwunsch viel tiefgreifender ist – eine Reise, die oft von Enttäuschungen und unerfüllten Hoffnungen begleitet wird.

Elena und ich hoffen, dass ihre Geschichte dazu beiträgt, ein größeres Bewusstsein für das Thema zu schaffen und vor allem dazu, dass solche Sprüche endlich aufhören. Denn Kinderwunsch ist viel mehr als nur der Wille – es ist eine emotionale, körperliche und oft auch finanzielle Herausforderung.

„Ich wollte immer Mama werden und Mama sein – lange Zeit hielt ich es für zu selbstverständlich, habe die Umsetzung des Kinderwunsches auf später verschoben. Nicht weil es mir nicht wichtig gewesen oder mir der Kinderwunsch erst spät bewusst geworden wäre, sondern weil einfach lange Zeit der Partner gefehlt hat. Viel zu lange habe ich dabei die Mutterschaft auch von einer Partnerschaft abhängig gemacht habe.
Nach einer sehr enttäuschenden Beziehungserfahrung (ironischerweise wurde eine Dreiecksbeziehung durch die Schwangerschaft einer anderen Frau aufgelöst) ging es mir lange Zeit sehr schlecht. Retrospektiv kann ich mir heute eingestehen, dass ich lange unter einer Depression litt. Statt mir Hilfe zu suchen, habe ich hochfunktional reagiert und mich in die Arbeit geflüchtet. Ich hatte gerade meine erste Arbeitsstelle nach dem Studium angetreten; meine Tätigkeit als Ärztin im onkologischen Bereich habe ich dabei als sehr herausfordernd erlebt und mich sicherlich auch durch die Arbeit noch mehr in die Depression hineinmanövriert; so richtig lebensbejahend war meine berufliche Tätigkeit nicht, da ich ständig mit schwerkranken Menschen, Tod und Leid konfrontiert war. Auch mein berufliches Umfeld habe ich als wenig unterstützend, oft hart und teilweise unmenschlich erlebt. Mein Leben bestand gefühlt im Außen nur aus Arbeit und im Inneren war ich oft mit der Bewältigung der Patientenschicksale beschäftigt (eine Supervision oder fachlich kompetente Unterstützung für das Personal gab es leider nicht; auch heute finde ich diesen Umstand nach wie vor unsäglich). Wenn ich doch einmal etwas Zeit für mich hatte, war ich oft sehr erschöpft. Meist überfiel mich das Bewusstsein, dass ich von dem Leben, das ich mir gewünscht hätte, im Grunde meilenweit entfernt war, auf sehr brutale Art und Weise; Ruhephasen konnte ich nicht wirklich zur Regeneration nutzen und im Grunde ging es mir immer schlechter– eine neue Partnerschaft gab es nicht; stattdessen hat mich jede Hochzeit bzw. jede Schwangerschaft im Freundes- und Bekanntenkreis noch viel trauriger gemacht, weil dies für mich so unendlich weit entfernt schien. Auch im Kollegenkreis habe ich viele Schwangerschaften bzw. Elternzeiten kompensiert, viele Dienste von schwangeren Kolleginnen übernommen. Ohne dass ich es mir damals mit Mitte/Ende 20 eingestehen hätte können, war ich innerlich auch viel mit Neid, Trauer und auch Wut konfrontiert. Letztlich Emotionen, die, wenn sie nicht Gehör finden, weiter in die Depression hineinführen.
Statt mich krankschreiben zu lassen, habe ich immer weiter gemacht – Aufgeben wäre ja irgendwie ein Scheitern gewesen, dabei wurde ich innerlich immer stummer und leerer, habe mich immer weiter von mir entfernt. Die Kraft, irgendetwas im Außen zu ändern (was vermutlich einen Wechsel der Fachrichtung oder der Arbeitsstelle bedeutet hätte), hatte ich schon lange nicht mehr – der innere Raum, sich mit dem zu beschäftigen, was ich eigentlich wollte oder auch zu reflektieren, ob das Leben, das ich derzeit führte, zu mir passt, fehlte dazu zunehmend gänzlich; ich hatte schlichtweg keine Kraft mehr, mich mit Veränderungen auseinanderzusetzen. Der initial vielleicht sinnvolle Bewältigungsmechanismus, mich durch die Arbeit abzulenken und durch Struktur im Außen vielleicht auch etwas Halt im Innen zu schaffen, war immer mehr zur Falle geworden. Aus heutiger Sicht frage ich mich, wo zu diesem Zeitpunkt ein gesunder Aspekt der Selbstachtung abgeblieben ist. Von Selbstliebe möchte ich gar nicht sprechen – davon war ich weit entfernt.
2015 habe ich dann nach unendlich anstrengenden und kräftezehrenden Jahren meine Facharztausbildung abgeschlossen. In den beiden folgenden Jahren war ich in die Begleitung meines Onkels, der an einem Hirntumor erkrankt war, eingebunden, was mich retrospektiv auch viel Kraft gekostet hat. Ich würde ihn immer wieder so begleiten wollen wie ich es getan habe, aber es war eine heftige Doppelrolle, die ich hier als Nichte und Ärztin innehatte.
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2017 habe ich mich dann doch um eine neue Stelle im gleichen Fachbereich gekümmert. Hier war es etwas leichter, die Patienten waren nicht mehr ganz so schwer krank und zumindest gab es keine Belastung durch Dienste; ich konnte selbstständiger arbeiten und die Patientenbetreuung etwas mehr so gestalten, wie ich mir das wünschte. Richtig gut ging es mir allerdings auch hier nicht.
Immer wieder habe ich mich in dieser Phase zwischendurch dem Dating gewidmet; heute denke ich, dass ich dabei jeden potentiellen Partner auf potentielle Vaterqualitäten „abgescannt“ habe. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass Dating mit einem Kinderwunsch im Hinterkopf für mich keinen Sinn macht; es war so viel Druck dabei, dass ich heute davon überzeugt bin, dass es gar nicht funken konnte.
Irgendwann bin ich dann mit Anfang 30 online auf das Konzept der Solomutterschaft gestoßen – zu einem Zeitpunkt, als es in Deutschland noch nicht möglich war, diesen Weg zu gehen. Dänemark erschien damals als das Land der Möglichkeit, diese Option zu verfolgen. Innerlich habe ich mir eine zeitliche Grenze gesetzt: wenn ich mit 38 Jahren (manchmal habe ich das Alter auch noch weiter nach hinten geschoben) keinen Partner haben würde, wollte ich diesen Weg für mich als realistische Option betrachten. Trotzdem habe ich mich auch in dieser Phase schon immer wieder mal mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Da ich eher konservativ aufgewachsen bin, fiel es mir nicht leicht, mir selbst diesen Weg zunächst einmal nur gedanklich zu erlauben. Immer wieder habe ich überlegt, ob das für mich ein Weg sein könnte. Es waren viele innere Kämpfe, die ich mit mir ausgefochten habe: ich wollte doch so sehr Mama werden, aber wäre es nicht auch egoistisch, dem Kind einen Vater vorzuenthalten? War es ein Konzept, das auch zu mir passen würde? Was, wenn ich dem nicht gewachsen wäre? Wie würde meine Familie reagieren? Konnte ich mit ihrer Unterstützung rechnen oder hätten sie kein Verständnis für meinen Traum, als Solomutter vielleicht doch Mama werden zu können? Haben wir nicht auch die Aufgabe, unser Leben zu gestalten so gut es uns möglich ist? Solche und ähnliche Fragen tauchten immer wieder auf und haben mich sehr beschäftigt. Und gleichzeitig war da ja immer noch die Sehnsucht nach einer „klassischen Familie“, was ja im Grunde immer noch meinem verinnerlichten Bild einer Familie entsprach. Heute weiß ich, dass ich damals bereits viel Trauerarbeit geleistet habe: es ist sehr schwer, immer mehr zu spüren, dass ein Lebenskonzept, das man sich für sich selbst erhofft hat, so mutmaßlich nicht in Erfüllung gehen wird. Es war eine Zeit des Abschiednehmens, auch wenn immer wieder mal ein kleiner Funke Hoffnung auftauchte, dass sich mein Wunsch von einer kleinen Familie vielleicht doch noch erfüllen könnte. Gerade diese Ambivalenz, die einerseits das Öffnen und Suchen nach anderen Möglichkeiten und Perspektiven, andererseits aber auch in gewisser Weise das Festhalten an ursprünglichen Plänen beinhaltet, empfand ich immer wieder als sehr anstrengend und hat mich viel Energie gekostet.
2019 wurde dann das Jahr, das mein Leben in gewisser Weise in ein Vorher und ein Nachher trennt. Im Herbst dieses Jahres, mittlerweile war ich fast 36 Jahre, wurde eine angeborene Herzfehlbildung festgestellt. Diese war bisher nicht diagnostiziert worden, obwohl sämtliche Untersuchungen im Kindesalter empfehlungsgemäß erfolgten und es auch im Erwachsenenalter die ein oder andere Chance gegeben hätte, diese Fehlbildung festzustellen – leider war sie bisher immer übersehen worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer wieder Herzrhythmusstörungen, die dann letztlich auch bei der Abklärung die zusätzlich vorhandene Herzfehlbildung ans Licht brachten. So hatte ich plötzlich doch auch noch eine zusätzliche somatische Erklärung für meine Müdigkeit (nein, sie war nicht nur durch die Depression bedingt) und meine geringe Kondition (nein, es war nicht nur die fehlende sportliche Betätigung). Auch die innere Unruhe und das ständige „Gestresst-sein“ konnten plötzlich zu einem gewissen Teil auch physiologisch erklärt werden: mein Herz hatte immer mehr leisten müssen, die Katecholaminausschüttung war sicher immer erhöht
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gewesen. Mein Körper hatte sich langsam über Jahrzehnte an die Fehlbildung adaptiert, es war nicht mit einer akuten klinischen Verschlechterung assoziiert gewesen. Es war eine schleichende Entwicklung und in gewisser Weise weiß ich, dass mein Körper ein Wunder vollbracht hat. In schwierigen Phasen des Kinderwunsches denke ich manchmal: mein Körper hat schon einmal jede Statistik geschlagen und das eigentlich Unmögliche möglich gemacht. Fairerweise muss ich auch gestehen, dass ich gerade am Anfang sehr oft mit meinem Körper gehadert habe: warum hat er mir nicht deutlichere Signale gesendet? Oder – um beim Thema Selbstkritik anzukommen – warum habe ich diese vielleicht auch ignoriert? Es ist ein teils sehr ambivalent besetztes Thema und es hat gedauert, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln.
Alleine die Diagnose der Herzfehlbildung hat mein Leben schon sehr auf den Kopf gestellt und ich war plötzlich selbst mit einer Grenzerfahrung konfrontiert. Plötzlich war ich auf der Patientenseite und mit Unsicherheiten und großen Ängsten beschäftigt. Obwohl es vordringlich jetzt erstmal um die Behandlung meiner kardiologischen Beschwerden ging, war für mich immer auch mit dabei: kann ich mit dieser Erkrankung noch Mama werden oder schließt diese Erkrankung eine Schwangerschaft nun gänzlich aus, weil sie mit zu hohem Risiko verbunden wäre? Paradoxerweise muss ich aus heutiger Sicht fast dankbar sein, dass ich vor der Diagnose nicht schwanger geworden bin, denn vor der Behandlung des Herzfehlers wäre dieser in einer Schwangerschaft sicher zum Problem geworden.
Es standen dann die kardiologischen Behandlungen an: leider kam es bei dem zweiten Herzkatheter zu einer schwerwiegenden Komplikation, die mich in den hämorrhagischen Schock, in die Not-OP und dann auf die Intensivstation befördert hat. Mein Leben hing an diesem Tag am seidenen Faden. Als ob die Diagnose nicht schon gereicht hätte, war ich plötzlich durch dieses kleine Rendezvous mit dem Tod noch vehementer mit meiner Endlichkeit konfrontiert. Diese Erfahrung im Dezember 2019 werde ich nie vergessen und wünsche ich so, wie ich sie erlebt habe, niemandem! Derartige Erfahrungen verändern einen und man ist danach definitiv ein anderer Mensch. Aber auch in der ersten Nacht auf der Intensivstation, die ich benebelt durch Medikamente und meinen desolaten körperlichen Zustand umgeben von zahlreichen Geräten irgendwo zwischen Wachsein und Schlaf verbrachte, waren immer wieder Gedanken an eine Mutterschaft da. Ich wollte doch leben und Mama sein!
In den nächsten Wochen habe ich diese Gedanken dann mehr oder weniger zurückgedrängt; zwischen Zweifel und Hoffen, wie es mit mir selbst weitergehen würde (der Herzfehler war immer noch nicht behoben), waren unglaublich viele Ängste da; ich habe gehadert, getrauert und ich war wütend. Wütend und enttäuscht war ich v.a. auch von dem Kollegen, der mich bei diesem zweiten Herzkatheter in diese Misere gebracht hatte. Dabei hat mich v.a. der fehlende menschliche Umgang beschäftigt. Ich weiß, dass Komplikationen auftreten können, ich habe die Aufklärung unterschrieben, aber die fehlende menschliche Komponente empfand ich insbesondere für meine psychische Verfassung als fatal.
Aber irgendwie war ich auch immer ein kleines „Stehaufmännchen“, das sich nicht unterkriegen lässt: so habe ich mich nach diversen Zweit-, Dritt- und auch Viertmeinungen umgehört und letztlich konnte dann im Februar 2020 kurz vor der Pandemie der Herzfehler erfolgreich behandelt werden. Obwohl das natürlich wunderbar war, sollten mich die Ängste, die mit dieser Diagnose einhergingen und die Folgen der missglückten Behandlung noch längere Zeit beschäftigen.
Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter auf die Behandlung der kardiologischen Erkrankung eingehen – was ich jedoch nicht unerwähnt lassen möchte, sind meine durchaus auch sehr ambivalenten Gefühle in diesem Zusammenhang: ich war wütend und enttäuscht von Kollegen, die jahrelang den Herzfehler nicht erkannt hatten. Die teils vorhandene
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Unmenschlichkeit im medizinischen System hat mich, obwohl ich sie ja auch in meiner Rolle als Ärztin in anderer Form erlebt hatte, sehr ärgerlich gemacht. Ich war wütend und traurig, weil mich die Erkrankung mutmaßlich auch um viel Leichtigkeit und Unbeschwertheit gebracht hat, denn mit zunehmendem Alter und fortschreitender Erkrankung waren die Auswirkungen retrospektiv auch körperlich wohl vermehrt vorhanden gewesen. Ich habe mich zunehmend mehr anstrengen müssen, um auf gute Leistungen zu kommen oder den Alltag gut bewältigen zu können. Zu einem gewissen Teil erklärt das sicher auch meine Härte bzw. Strenge mir selbst gegenüber und meine zu ausgeprägte Diszipliniertheit. Ich denke, die späte Diagnose hat mich um Lebenszeit gebracht, die ich gerne als weniger anstrengend erinnern würde. Auch heute macht mich das noch sehr traurig. Ich hätte gerne mehr Leichtigkeit und weniger Anstrengung in meinem Leben bis Mitte 30 gehabt.
Andererseits habe ich in dieser Grenzerfahrung auch einige sehr menschliche, unterstützende und liebevolle Kollegen kennengelernt, die mich in meiner Not als Mensch gesehen haben und das auch noch heute tun. Und dafür bin ich sehr dankbar! Auch meine Familie ist und war immer an meiner Seite und das ist letztlich unbezahlbar!
Nachdem ich irgendwann gemerkt habe, dass ich mit den Auswirkungen der Erfahrungen auf meine Psyche alleine nicht mehr gut klarkomme, habe ich mir therapeutische Unterstützung gesucht. Heute weiß ich, dass das eine der besten Entscheidungen meines bisherigen Lebens war. So habe ich auch heute noch große Unterstützung in der aktuell schwierigen Kinderwunschzeit.
Zunächst ging es um die Bearbeitung und Integration der „Herzfehlergeschichte“. Bald wurde aber auch mein großer Kinderwunsch zum wesentlichen Thema der Therapie. Ich konnte hier all meine Ängste, meine Bedenken und Sehnsüchte ganz offen besprechen, was ich als unendlich wertvoll erlebt habe. Zusätzlich habe ich zu diesem Zeitpunkt auch zweimal eine Beratungsstelle aufgesucht; meine Gedanken und Gefühle fanden auch hier Gehör, ich wurde als ganzer Mensch gesehen. Und was sehr hilfreich war: es fand keinerlei Bewertung statt!
Mich hat zu diesem Zeitpunkt auch sehr beschäftigt, ob es von kardiologischer Seite aus vertretbar war, schwanger zu werden. Ich wollte keinesfalls unverantwortlich handeln; daher habe ich letztendlich vier verschiedene Kardiologen nach deren Einschätzung hinsichtlich einer Schwangerschaft gefragt. Alle vier haben grünes Licht gegeben. Trotz der objektiven Einschätzung habe ich weiter oft gehadert und es hat gedauert, meinem Körper wieder zu vertrauen.
Letztlich habe ich mich dann 2023 zum ersten Mal in einer Kinderwunschpraxis vorgestellt. Diese ist etwa 150 km von meinem Wohnort entfernt. Der Gedanke, mich in einer der beiden Praxen an meinem Wohnort vorzustellen, war für mich zu diesem Zeitpunkt nicht realistisch. Damals konnte ich nicht wirklich selbstbewusst und offen mit meinem Plan, Solomutter werden zu wollen, umgehen. Ich wollte nicht, dass das im hiesigen Kollegen- und Patientenkreis, publik wird. Daher war eine gewisse Anonymität für mich wichtig, als ich mich für diese Praxis in einer größeren Stadt entschieden habe. Ich habe lange recherchiert, welche Praxen für mich in Frage kommen würden. Entschieden habe ich es letztlich nach Bauchgefühl – ich wollte nach den Vorerfahrungen bei der Herzfehlerbehandlung eine Praxis, wo ich mich wohlfühlte, wo ich Vertrauen zu den Kollegen haben konnte und wo ich als Mensch gesehen werden würde.
Letztlich muss ich sagen, dass ich dabei eine sehr gute Wahl getroffen habe und mich auch heute noch gut aufgehoben in dieser Praxis fühle.
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Nach der ersten Untersuchung war ich erst einmal auf dem Boden der Tatsachen angekommen: ich war (noch) 38, der AMH-Wert lag zum damaligen Zeitpunkt schon im sehr niedrigen Bereich und mir wurde auch vermittelt, dass es mutmaßlich nicht leicht werden würde, schwanger zu werden. Ansonsten gab es zum damaligen Zeitpunkt keine organischen Hindernisse, die eine Schwangerschaft unmöglich erscheinen ließen.
Bevor ich letztlich mit der Behandlung gestartet bin, wurde mir trotzdem noch ein Stein in den Weg gelegt. Man hatte bei einer Vorsorgeuntersuchung einen suspekten Befund in meiner rechten Brust festgestellt. Nach einer Stanzbiopsie sah es zwar nach einer gutartigen Veränderung aus; da ich aber selbst im onkologischen Bereich arbeite, weiß ich auch, dass letztlich erst die histopathologische Aufarbeitung des OP-Präparates mehr Klarheit geben kann. Daher habe ich mich zunächst noch dieser OP unterzogen; auch hier waren wieder viele Ängste vorhanden: was, wenn es doch ein Mammakarzinom sein würde? Dann wäre der Kinderwunsch mutmaßlich nicht mehr zu realisieren. Ich war 39 Jahre alt; eine Therapie würde je nach Histologie eine Chemotherapie und/oder Hormontherapie, ggf. eine Strahlentherapie beinhalten; etwas, was mit einer Kinderwunschbehandlung nur schlecht vereinbar sein würde. Und wieder war auch der Aspekt da, der mich nach der Herzfehlergeschichte schon beschäftigt hatte: war ich körperlich fit und mit einer prinzipiell ausreichenden Lebenserwartung gesegnet, um ein Kind auch aufwachsen zu sehen? Ich hätte mich gegen eine Kinderwunschbehandlung entschieden, wäre dies unter diesen Voraussetzungen nicht gegeben gewesen. Man weiß nie, wie lange man lebt und was das Leben für einen bereit hält, aber unter der Kenntnis einer begrenzten Lebenserwartung wäre ich den Weg der Kinderwunschbehandlung vermutlich nicht gegangen. Nachdem nach langen Wochen des Wartens auf das histologische Ergebnis (Feiertage und technische Defekte in der Pathologie hatten es sehr in die Länge gezogen) klar war, dass es bei einer gutartigen Veränderung bleibt, war ich unendlich erleichtert.
Nachdem ich mir noch eine notarielle Bescheinigung über eine Garantieperson (ich hatte hier meinen Bruder eingesetzt) organisiert hatte, konnte ich endlich mit einer Behandlung starten. So habe ich mich zum damaligen Zeitpunkt zunächst einmal für eine Insemination entschieden. Die erste Behandlung fand dann im Juni 2023 statt. Ich war sehr aufgeregt und gespannt. Leider war die erste Insemination nicht erfolgreich. Auch die zweite und dritte sollten es nicht sein. Diese waren zunächst im natürlichen Zyklus durchgeführt worden. Ab der vierten Insemination haben wir uns für eine Unterstützung mit Letrozol entschieden. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich im Oktober 2023 einen Zyklus abbrechen musste, weil damals „zu viele“ Follikel gewachsen waren – man wollte das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft bei einer Solomutter auf jeden Fall vermeiden. Heute klingt das fast ein bisschen ironisch. Damals war es vermutlich aus ärztlicher Sicht verantwortungsvoll, denn man wusste ja noch nicht, wie schwer es tatsächlich werden würde, mich zu einer Schwangerschaft zu begleiten. Und damals hätte ich mir auch definitiv gewünscht, dass der Zyklus genutzt werden würde – der Wunsch nach einem Kind war einfach so groß! Zum damaligen Zeitpunkt wurde in dieser Praxis noch keine IVF/ICSI angeboten, sodass mir also nichts anderes übrigblieb als den Zyklus abzubrechen. Letztendlich habe ich dann viele (mutmaßlich auch zu viele) Inseminationen durchführen lassen. Einerseits wünschte ich mir heute, dass ich früher vehementer in Richtung IVF/ICSI beraten worden wäre. Andererseits weiß ich, dass es für mich zum damaligen Zeitpunkt auch die richtige Entscheidung war, zunächst bei der Insemination zu bleiben. Einerseits fühlte es sich als der natürlichste Weg zu einer Schwangerschaft an, andererseits hatte ich nach der Vorerfahrung mit dem Herzfehler auch riesige Angst vor einer invasiveren Behandlungsform und einer Narkose, sodass es meinerseits mutmaßlich auch einem Vermeidungsverhalten glich, mich näher mit dem Weg der IVF/ICSI auseinanderzusetzen. Wenn ich heute wieder einmal dazu neige, mich für den Weg zu verurteilen, versuche ich mich zu beruhigen: es war und ist mein Weg,
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diese ganze Kinderwunschreise ist auch ein persönlicher Entwicklungsprozess und ich habe zum damaligen Zeitpunkt so entschieden, wie es zum damaligen Zeitpunkt zu mir gepasst und wie es sich für mich richtig angefühlt hat. Ich habe damals getan, was mir unter Berücksichtigung meiner körperlichen und seelischen Ressourcen möglich war.
Manchmal ärgere ich mich trotzdem. Aber auch das darf sein. Wieder einmal habe ich vielleicht auch zu viel Rücksicht auf meine damaligen Kollegen genommen: wir waren unterbesetzt, mich krankmelden oder Urlaub nehmen konnte und wollte ich nicht ständig und die Inseminationen waren doch noch leichter in den ohnehin schon vollen Alltag zu integrieren. Vielleicht war ich auch wieder einmal zu pflichtbewusst; ich wollte meine Arbeit ordentlich und gewissenhaft machen, niemand sollte merken, dass ich gedanklich oft bei meinem Zyklus war. Diese inneren Konflikte haben mich oft aufgerieben…Auch die Distanz zur Kinderwunschklinik (150 km einfach) hat mich in dieser Phase immer wieder sehr vor Herausforderungen gestellt.
Im Juli 2024 habe ich mich dann endlich an die erste ICSI gewagt, die mittlerweile auch in der behandelnden Praxis stattfinden konnte. Ich war superglücklich, dass zwei Eizellen (wie gesagt, der AMH ist niedrig…) gewonnen werden konnten; beide haben sich befruchten lassen. Eine Eizelle wurde an Tag 4 im Morula-Stadium transferiert, die andere hat sich zu einer Blastozyste weiterentwickelt. Die Wartezeit bis zum Schwangerschaftstest war anstrengend. Durch die Progesterongabe hat es ständig irgendwo gezogen und ich war sehr müde. Ich hatte für den 05.08. einen Termin zum Testen in der Praxis vereinbart, den ich wenige Tage vorher abgesagt habe, da ich der Überzeugung war, dass es ohnehin nicht geklappt hat. Am Tag vorher habe ich dann doch noch spontan entschieden, am nächsten Tag in die Praxis zu fahren, aber eigentlich mehr, um zu besprechen, wie wir weitermachen könnten. Als ich dann am 05.08. die Nachricht erhielt, dass ich tatsächlich schwanger bin, war ich einfach nur glücklich – ich habe geweint vor Freude! Endlich hatte es geklappt! Der HCG-Wert war sehr gut und auch in der Kontrolle zwei Tage später war er weiterangestiegen. Wir hatten dann einen Termin zum ersten Ultraschall etwa 14 Tage später vereinbart, in der Hoffnung, dann vielleicht schon einen kleinen Herzschlag zu sehen. Die Zeit der Schwangerschaft war wunderschön, auch wenn immer wieder Ängste aufgetaucht sind. Ich war mittlerweile 40; ich wusste, dass das Risiko für eine Fehlgeburt nicht klein ist. Körperlich ging es mir nicht so gut; ich hatte immer wieder ziemliche Unterleibsschmerzen, aber ich hielt das auch irgendwie für normal, insbesondere unter der unterschützenden Progesterongabe. Als ich dann an einem Sonntagmorgen Blutungen bemerkt habe, war ich erst in einer Art Schockstarre. Im Grunde war mir schnell klar, was vermutlich passieren wird. Irgendwann sind dann auch die Tränen in Strömen geflossen. Ich war unsicher, ob ich an diesem Sonntag in eine Notaufnahme fahren sollte, habe mich dann aber dagegen entschieden – von Bekannten wusste ich, dass es oftmals auf eine schnelle „Abfertigung“ hinausläuft. Am nächsten Tag hatte ich ohnehin den Termin in der Kinderwunschpraxis, sodass ich mich entschieden habe, diesen Termin wahrzunehmen.
Die Ärztin meinte beim Ultraschall, dass alles korrekt angelegt ist, Dottersack und Fruchthöhle vorhanden sind, aber der Embryo 2-3 Tage zu klein ist. So war schnell klar, dass es auf eine Fehlgeburt hinauslaufen würde. Sie hat mit mir offen besprochen, welche Möglichkeiten es gibt. Ich habe mich dann für einen natürlichen Verlauf entschieden. Auch heute bin ich ihr noch dankbar, dass sie mich in die Entscheidung eingebunden und mir nicht einfach einen Überweisungsschein für eine Ausschabung in die Hand gedrückt hat. Immer wieder hatte ich in den folgenden Tagen starke Blutungen und auch heftige Krämpfe. Die Wärmflasche und Schmerzmittel waren meine Begleiter. Zwischendurch bin ich auch zur Kontrolle in die Kinderwunschpraxis gefahren und erst als sich nach etwa drei Wochen noch Reste der Schwangerschaft nachweisen ließen, musste ich doch noch zur medikamentösen Unterstützung greifen – eine Ausschabung wollte ich weiterhin absolut vermeiden. Lange hat
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mich beschäftigt, dass ich letztlich doch das gleiche Medikament genommen habe wie bei einer medikamentös induzierten Abtreibung. Und dabei wollte ich doch Mama werden – es war so paradox! Letztlich hat es durch den doch überwiegend natürlichen Verlauf auch einige Zeit gedauert bis kein HCG mehr nachweisbar war. Aber vielleicht war es auch passend: erst hat es nicht geklappt, schwanger zu werden und dann wollte ich die Schwangerschaft nicht mehr loslassen. In dieser Zeit habe ich mich auch gut in der Kinderwunschpraxis betreut gefühlt. Um mir die Fahrten zu ersparen, war ich auch ein- oder zweimal bei meiner niedergelassenen Frauenärztin; hier war ich menschlich enttäuscht. Den Rest-HCG-Wert hat sie mir in einem 21-Sekunden dauernden Telefonat mit dem Kommentar „das dauert halt“ mitgeteilt. In der Folgezeit musste ich irgendwann um die Bestimmung des Progesteronwertes betteln, als ich im Verlauf wissen wollte, wo ich im Zyklus stehe.
Von der Kinderwunschpraxis wurde mir vermittelt, dass man trotz der Fehlgeburt das Eintreten der Schwangerschaft als „Erfolg“ wertet – ich konnte schwanger werden. Ich glaube, zum damaligen Zeitpunkt hat mir der Gedanke auch weitergeholfen; vielleicht war ich auch so naiv zu glauben, dass es nun rasch wieder funktionieren würde.
In Erinnerung an meine Schwangerschaft habe ich die kleine Babyrassel, die ich mir zum Transfer als kleinen Glücksbringer gekauft hatte, das Ultraschallbild vom Transfer, den Transferbericht und einen kleinen selbstgeschriebenen Brief an mein Kind in einer kleinen schönen Box aufgehoben. Für mich ist dieses Ritual wichtig gewesen, um etwas leichter Abschied nehmen zu können. Denn für mich war es trotz der verhältnismäßig kurzen Schwangerschaft mein Baby, das ich verloren hatte und um das ich trauerte.
Diagnostisch wurden zum Zeitpunkt der Fehlgeburt die Killerzellen im Blut bestimmt, welche normwertig waren. Auch eine Gerinnungsdiagnostik wurde veranlasst – auch diese war unauffällig. So blieb als Erklärung für die Fehlgeburt, dass es sich mutmaßlich um einen genetisch auffälligen Embryo gehandelt haben wird – in Anbetracht meines Alters war dies am wahrscheinlichsten.
Für mich war klar, dass ich, sobald sich wieder ein Zyklus eingestellt hatte, zeitnahe mit der Behandlung fortfahren wollte. Ab Oktober 2024 ging es dann in die nächsten Behandlungsphasen. Ich habe versucht, jeden Zyklus zu nutzen. Ich war unglaublich hart zu mir selbst und bin an meine körperlichen, seelischen und auch finanziellen Grenzen gegangen.
Finanziell ist es für Solomütter eine echte Herausforderung, da im Grunde jeder Cent der Behandlung inkl. Medikamente, Samenhalme, Diagnostik selbst finanziert werden muss. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich in der glücklichen Situation bin, dass ich es mir (noch) leisten kann, auch wenn ich mittlerweile Ersparnisse anfassen musste, die eigentlich für ein Leben mit Kind gedacht waren; sicher habe ich auch auf einiges verzichtet: Urlaube gab es schon lange nicht mehr, ich habe keine kostspieligen Hobbies und im Alltag versuche ich, einigermaßen sparsam zu sein. Zweifelsohne ist und bleibt es eine Herausforderung, die Kinderwunschbehandlung zu finanzieren.
Körperlich und seelisch waren die ständigen Stimulationen heftig und ich habe etliches versucht; langes Agonistenprotokoll (retrospektiv keine gute Idee; ich wollte es unbedingt ausprobieren und die Kinderwunschpraxis ist mir darauf eingegangen, obwohl sie eigentlich nicht dafür waren – leider musste ich den Zyklus abbrechen), zweimal Duo-Stim (retrospektiv viel zu anstrengend; häufig Zystenbildung in der Folgezeit, sodass ich dadurch keine Zeit gewonnen habe) und immer wieder das kurze Antagonistenprotokoll. Viele Punktionen, viele Enttäuschungen. Es war alles dabei: es konnte keine Eizelle gewonnen werden; es konnten Eizellen gewonnen werden, die sich nicht befruchten haben lassen; es konnten Eizellen gewonnen werden, die sich zwar befruchten haben lassen, aber sich dann nicht
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weiterentwickelt haben; eine Eizelle, die sich befruchten hatte lassen und auch zur Blastozyste wurde,… Und das alles bei einer ohnehin sehr niedrigen „Ausbeute“. Da sich immer wieder auch Zysten gebildet hatten, konnte auch nicht jeder Zyklus genutzt werden. Gefühlt war es ein Leben im Vier-Wochen-Rhythmus; innerhalb von vier Wochen im Turbotempo immer wieder ein Wechsel zwischen Hoffnung und Trauer/Enttäuschung. Und immer wieder war ich mich Emotionen verschiedenster Art konfrontiert: Neid, wenn ich schwangere Frauen auf der Straße oder beim Einkaufen gesehen habe; Wut und Ärger, auch auf mich selbst, warum ich nicht früher mehr auf mich selbst geachtet habe und z.B. meine erste Arbeitsstelle verlassen hatte. Gefühlt hatte ich anderen bei ihrer Familienplanung den Rücken freigehalten und ich konnte nun sehen, wo ich blieb. Warum ist die Flucht in die Arbeit zu einer Möglichkeit für mich geworden und die damit assoziierte Leistung so ein großes Ethos für mich gewesen, warum ist Aufgeben mit einem Scheitern gleichgesetzt worden? – Dabei wäre es mutmaßlich nur Selbstachtung gewesen, an dieser ersten Arbeitsstelle aufzuhören. Mich selbst verurteilen konnte ich wirklich sehr gut! Ich war wütend, wenn andere eine Schwangerschaft für scheinbar so selbstverständlich hielten. Wütend war ich auch, wenn ich sah, wie andere teilweise mit ihren Kindern umgingen. Die Narkosen im Rahmen der Punktionen habe ich irgendwann als den besten Teil erlebt: endlich einmal eine kurze Pause – nichts denken, nichts fühlen.
Meine Familie, die ja von meiner Kinderwunschbehandlung wusste und auch mein Therapeut haben mir oft wirklich sehr leidgetan: sie haben die Hormonschwankungen und meine Emotionen oft hautnahe und ungefiltert abbekommen. Und trotzdem war ich diejenige, die in dem Prozess steckte, einen Umgang damit finden musste/sollte/wollte. Zum damaligen Zeitpunkt hat mich v.a. der Gedanke, kinderlos zu bleiben, immer wieder in große emotionale Löcher geschupst. Der Gedanke war für mich nicht aushaltbar! Und das hat wiederrum dafür gesorgt, dass ich mit der „Brechstange“ an den Kinderwunsch herangegangen bin: ich wollte es so unbedingt! Ich denke, ich habe den Kinderwunsch lange Zeit auch als eine Art „Wiedergutmachung“ für die Erfahrung mit dem Herzfehler gesehen: wenn mich damals das Leben schon vor so eine Grenzerfahrung gestellt hat, musste es doch vielleicht eine Art Revanche im positiven Sinne geben. Auch heute rutsche ich immer wieder in diese Gedanken. Ich versuche mir dann bewusst zu machen, dass das keineswegs so sein muss und dass der Kinderwunsch nichts mit den Vorerfahrungen zu tun hat und es Sinn macht, das klar zu trennen. Immer wieder fallen mir auch die Zeilen aus Benedict Wells Buch „Vom Ende der Einsamkeit“ ein: „Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts.“
Oft habe ich stundenlang im Internet recherchiert; mich mit Nahrungsergänzungsmitteln inkl. Longevity beschäftigt, mich mit TCM auseinandergesetzt, TCM-Behandlungen wahrgenommen, ich war bei Sinosomatics-Therapeuten, habe mich mit Hypoxietraining beschäftigt. Ich habe Kinderwunschyoga gemacht und einen Osteopathen aufgesucht (was allerdings schnell erledigt war, da er das Konzept der Solomutterschaft sehr verurteilt hat; das war das erste Mal, dass ich mit meinem Weg auf offen kommunizierte Ablehnung gestoßen bin). Immer wieder hatte ich auch Medikamente in Frankreich, Belgien, Dänemark oder den Niederlanden bestellt. Mittlerweile hatte ich hier überall einschlägige Kontakte, wo ich die Medikamente günstiger beziehen konnte. Zwischendurch hatte ich auch immer wieder Kontakt mit der Samenbank, von der ich meine Halme bezog. Letztlich hatte/habe ich drei verschiedene Spender – auch das hat initial viel Zeit in Anspruch genommen, einen passenden Spender auszuwählen, der sich irgendwie richtig und stimmig für mich anfühlt. Der Kinderwunsch wurde irgendwann zu Obsession. All diese Aktivität und der dahinterstehende Aktionismus spiegeln dabei vermutlich nur die Suche nach Sicherheit und Halt in dieser unsicheren Zeit wider. Ich wollte Kontrolle, wo doch in dem Prozess so wenig zu kontrollieren war.
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Immer wieder habe ich auch nach Ursachen gesucht, die das Schwangerwerden so erschweren. Letztlich habe ich mich dann mehr mit immunologischen Ursachen auseinandergesetzt und bin dann auf das Konzept der KIR-Gene gestoßen. Da ich in der Kinderwunschbehandlung ohnehin alles selbst bezahlen muss, habe ich dann irgendwann beschlossen, diese bestimmen zu lassen. Ich habe mir selbst Blut abgenommen und die Bestimmung in einem Labor vor Ort in Auftrag gegeben. Etwa zur gleichen Zeit hat mich eine TCM-Ärztin noch auf die Bestimmung von Killerzellen und Plasmazellen in der Gebärmutter aufmerksam gemacht. Also habe ich noch eine Endometriumbiopsie über die Kinderwunschpraxis veranlasst – hier waren die Ergebnisse aus Jena unauffällig. Mit der KIR-Gen-Typisierung sah es leider anders aus: so hat sich im Mai 2025 herausgestellt, dass ich den KIR-Genotyp AA habe und damit ein erhöhtes Risiko für eine Fehlgeburt bzw. eine erschwerte Einnistung besteht. Einerseits fand ich es natürlich richtig blöd, das zu erfahren, andererseits hatte ich auch plötzlich eine mögliche Erklärung, warum es so schwer war, schwanger zu werden. Und ich hatte plötzlich durch die Gabe von GCSF auch einen potentiell therapeutischen Ansatz. Man greift ja nach jedem Strohhalm.
Im Nachhinein denke ich, es wäre hilfreich gewesen, vielleicht früher um den Befund zu wissen. Andererseits muss man auch sagen, dass es einfach nach wie vor keine Routinediagnostik darstellt und es auch Frauen gibt, die trotz dieser Konstellation schwanger werden. Insofern denke ich, es kann ein möglicher Ansatz sein; ob es immer der entscheidende Aspekt ist, wage ich allerdings zu bezweifeln. Letztlich finde ich jedoch, dass es sich vielleicht gerade bei älteren Patientinnen lohnt, schneller eine umfangreichere Diagnostik zu machen, weil es schlichtweg einfach auch um wertvolle Zeit geht. Hier finde ich es manchmal bedenklich, wie viel oft auf das Alter der Patientinnen geschoben wird. Ja, es ist sicher so, dass es mit fortgeschrittenem Alter mühsamer wird, schwanger zu werden. Aber es ist vermutlich auch nicht immer der alleinige Grund, warum es schwer ist. Mit dem Aspekt „Alter“ wird aber sicher auch viel mit der Angst der Patientinnen „gespielt“. Die Angst, dass es aufgrund des Alters vielleicht nicht mehr klappen wird, erzeugt unheimlichen inneren Druck. Und mit dem Druck wird in den Kinderwunschpraxen natürlich auch Geld verdient, denn irgendwann ist man bereit, nahezu alles für die Erfüllung des Kinderwunsches zu tun.
Mehr oder weniger zufällig habe ich dann in der Kinderwunschpraxis die behandelnde Ärztin gewechselt. Ich mag zwar beide Ärztinnen, bei denen ich war/bin, sehr gerne. Aber mit der aktuell behandelnden Kollegin passt es menschlich fast noch etwas besser. Sie versteht es, Druck rauszunehmen: ein oder zwei Zyklen Pause sind manchmal notwendig, um auch wieder Kraft zu tanken und sie meinte einmal: an dieser Pause wird es nicht liegen. Sie geht mir auf viele meiner Extrawünsche ein und versucht, vieles zu ermöglichen; sie hilft mir, Geld zu sparen, wo es nur geht und vermeidet Zwischenkontrollen, wo es nicht unbedingt notwendig erscheint. Mittlerweile habe ich mich an Punktionen ohne Narkose herangewagt -etwas, was vor einem Jahr noch unvorstellbar gewesen wäre. Menschlich kann ich mir nach wie vor keine bessere Praxis vorstellen. Und trotzdem habe ich insbesondere 2025 zunehmend bemerkt, wie mich die Organisation rund um den Kinderwunsch stresst. Es wurde der Wunsch immer größer, es irgendwie für mich einfacher zu gestalten. Teilweise bin ich um 3 Uhr morgens aufgestanden, um in die Kinderwunschpraxis zu fahren. Dafür fehlte mir zunehmend die Kraft. Teilweise war ich physisch und auch psychisch wirklich sehr erschöpft und am Ende meiner Kräfte.
Daher habe ich mich 2025 doch mit den Praxen an meinem Wohnort auseinandergesetzt – auch das ist ein Prozess; initial war es nicht vorstellbar, jetzt könnte es vielleicht eine Option sein. Im Juni 2025 war ich dann in der ersten Praxis. Gefühlt war ich so in Not und auf Unterstützung und Hilfe bei der Umsetzung meines Kinderwunsches angewiesen, dass ich viele Abhängigkeiten und auch Unannehmlichkeiten eingegangen wäre. Und trotzdem hat dieser Besuch in dieser Praxis eine seltsame Irritation hinterlassen, die ich erst einmal
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einordnen musste. In dieser Praxis ist man sehr auf Stoffwechselaspekte fixiert; gefühlt hat jeder, den ich kenne und der sich in dieser Praxis behandeln hat lassen, Metformin bekommen. Für einige Patientinnen mag das vielleicht der Schlüssel zum Erfolg sein; ich war mir jedoch fast sicher, dass der Stoffwechsel nicht mein Problem ist. Bereits beim Erstgespräch wurde mir mitgeteilt, dass sie in der Praxis keine immunologischen Ansätze verfolgen. Es wurde auch beim Erstkontakt das Wort „Eizellspende“ in den Mund genommen, auch das hat mich irritiert – an dem Punkt war ich nicht und ich habe auch nicht danach gefragt! Bis heute werde ich den Eindruck nicht los, dass man sich in dieser Praxis im Grunde nicht um die Behandlung von Patientinnen fortgeschritteneren Alters reißt, weil man sich die persönliche Statistik nicht „versauen“ möchte. Als mir dann noch eine Freundin (sie ist sehr schlank und hatte früher einen Nebenjob als Model) erzählt hat, dass sie sich beim Diabetologen wiederfand, regelmäßig Blutzucker gemessen hat und sich mit Essensvorgaben selbst kasteit hat, war für mich endgültig klar, dass das für mich keine wirkliche Option ist. Der ganze Prozess war schon mit so viel Druck aufgeladen, da hatte ich keine Lust, mir bei jedem vermeintlich ungesunden Essen (und wir reden hier auch von Gemüse und Obst, das angeblich die Einnistungschancen verschlechtert) auch noch Stress machen zu lassen. Ich habe mich oft gefragt, ob dieses Vorgehen auf sicher eher unbewusster Ebene etwas mit Schuld/Verantwortung zu tun hat: wenn die Patientin etwas „Falsches“ gegessen hat, ist sie auch selbst „schuld“, wenn es nicht geklappt hat. Nein, diesen Stress konnte und wollte ich mir nicht zusätzlich antun. Dafür war ich in diesem Prozess schon zu oft mit meinen Selbstzweifeln und meiner Selbstverurteilung konfrontiert worden.
Im August 2025 war ich dann in der zweiten Praxis an meinem Wohnort. Auf der Homepage der Praxis wird die Behandlung von Singlefrauen nicht explizit erwähnt, aber auf Nachfrage hieß es, dass eine Behandlung hier möglich wäre. Zunächst hatte ich einen guten Eindruck und es schien, eine mögliche Alternative zu geben, die für mich manches organisatorisch erleichtern könnte. Hier war man sehr auf Immunologie ausgerichtet, was ja offensichtlich eher mein Problem zu sein schien. Nachdem die ersten beiden Kontakte wirklich vielversprechend waren, hatte ich bei dem dritten Termin eine unschöne Begegnung; ich finde es nicht okay, wenn ein Arzt seinen Mitarbeiterinnen gegenüber abwertende Bemerkungen über Patientinnen im Wartebereich macht, sodass diese das auch hören können. Es mag sein, dass ich aufgrund meiner Vorerfahrungen hier vielleicht etwas sensibel reagiere. Aber ich glaube andererseits, dass ich vielleicht auch gerade aufgrund der Vorerfahrungen ein gutes Bauchgefühl habe, was passt und was eben nicht. Man verdient mit uns und unserer Not auch viel Geld. Einen respektvollen Umgang kann ich doch gerade bei diesem sensiblen Thema des unerfüllten Kinderwunsches erwarten! Zudem hat man noch eine erneute notarielle Bescheinigung gefordert, da man die erste, die ich ja bereits 2023 ausstellen hatte lassen, als nicht ausreichend erachtete. Alles in allem hatte ich den Eindruck, dass man Singlefrauen vielleicht doch nicht so gerne behandeln möchte.
So war letztlich auch diese Praxis für eine weiteren Behandlung für mich ausgeschlossen. Fairerweise muss ich sagen, dass mich die Vorstellung dort trotzdem nochmal ein Stück weitergebracht hat. Die Praxis arbeitet mit einer bekannten Immunologin zusammen und man hat recht früh eine nochmalige immunologische Abklärung angeraten. Da ich weiterhin nach jedem Strohhalm gegriffen habe, habe ich diese natürlich machen lassen – auch auf die Gefahr hin, dass es wieder einmal Geld war, das ich in den Sand setzen würde. Neben der bekannten KIR-Gen-Problematik kam aber tatsächlich noch heraus, dass eine Verschiebung der TH1/TH2-Immunbalance vorliegt und dies einen weiteren Risikofaktor für schlechtere Implantationsbedingungen darstellt. Also war ich wieder um eine Erkenntnis reicher. Erfreulicherweise habe ich nach einiger Zeit auch einen entsprechenden Behandlungsplan erhalten, von dem ich hoffe, dass er mir noch zu einer Schwangerschaft verhilft. Bisher hatte
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ich mit diesem Plan einen erfolglosen Transfer, sodass ich aktuell noch nicht berichten kann, ob mir diese zusätzlichen Erkenntnisse um meine immunologische Situation wirklich von Nutzen sein werden.
Im November 2025 habe ich mich dann noch in einer vierten Kinderwunschpraxis vorgestellt, die etwa 60 km entfernt ist. Hier hatte ich einen guten Eindruck und hier werde ich auf jeden Fall einen Behandlungsversuch wagen. Das Beratungsgespräch war menschlich und bodenständig. Auch wenn es wieder mit einer längeren Anfahrt verbunden ist, möchte ich eine Behandlung in dieser Praxis probieren. Nicht, weil ich mich in meiner bisherigen Praxis unwohl fühle, sondern weil ich vielleicht auch einmal ein anderes IVF-Labor versuchen möchte. Und vielleicht tut ein anderer Blick auf die Situation auch einmal gut. Gelegentlich frage ich mich auch, ob es in der ersten Praxis vielleicht gar nicht mehr funktionieren kann, weil ich dort auch viele Rückschläge einstecken musste. Insofern macht ein frischer Wind in der Behandlung und ein Praxiswechsel möglicherweise auch fachlich wie emotional Sinn.
Und wie geht es mir heute mit dem unerfüllten Kinderwunsch? Für mich wäre es vermutlich einfacher, den Kinderwunsch loszulassen, wenn ich nicht die Erfahrung einer Schwangerschaft haben würde – es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl, das ich gerne nochmal fühlen würde. Und so wünsche ich mir nach wie vor so sehr, Mama zu werden! Aber nach diesem ganzen Weg kann ich mittlerweile den Gedanken an ein Leben ohne Kind besser zulassen. Nicht immer und nicht immer gleich gut! Aber ich falle nach Zyklen, die wieder nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben, zumindest derzeit nicht mehr in ganz so tiefe Löcher bzw. kann ich mich schneller daraus befreien. Ich mache meine Lebenszufriedenheit nicht mehr ganz so sehr von der Erfüllung meines Kinderwunsches abhängig und kann zeitweise auch ein gutes und zufriedenes Leben in der Zukunft ohne Kind antizipieren. Auch das geht nicht immer gleich gut und um ggf. endgültig Akzeptanz diesbezüglich zu etablieren, wird es sicher noch ein langer und schwerer Weg sein. Es ist und bleibt ein Lebenstraum und auch ein Lebenskonzept, von dem man ggf. Abschied nehmen muss. Und dazu gehört auch Trauer. Für mich war und ist es wichtig, den Kinderwunsch nicht (mehr) als „Wiedergutmachung“ für Schicksalsschläge der Vergangenheit zu sehen. Ich habe in den letzten Jahren oft sehr schmerzlich lernen müssen, dass wir zwar immer meinen, vieles kontrollieren zu können, dass wir im Grunde jedoch über nur weniges wirklich Kontrolle haben und der Kinderwunsch gehört definitiv dazu. Es ist und bleibt ein Geschenk und ein Wunder. Und wenn einem das nicht vergönnt ist, hat das nichts damit zu tun, dass man es nicht „verdient“ hat, das Leben „verhext“ ist oder man ein weniger wertvolles Leben führt. Ich habe in diesem Prozess auch gelernt, wieder etwas gnädiger mit mir selbst umzugehen und gut zu mir selbst zu sein; so kann ich mir heute in dem ganzen Wahnsinn auch einmal eine Pause gönnen ohne in Panik zu verfallen, dass ich vielleicht gerade die richtige Eizelle verpasse; und diese teils vorhandene Gelassenheit nimmt etwas von der Anspannung. Ich bin dabei, ein Leben ohne diese übermäßige Strenge, Härte und Selbstdisziplin zu schaffen, wieder mehr Selbstliebe zu etablieren. Aber auch das ist eine Entwicklung und ein Prozess und manchmal wirft es mich ordentlich zurück. Gelegentlich denke ich dann an Viktor Frankl und seine Gedanken zur inneren Freiheit: auch wenn das Leben richtig herausfordernd ist, geht es auch darum, welche innere Haltung wir dazu einnehmen.
Ich habe in den letzten Jahren auch gelernt, wieder mehr auf mein Bauchgefühl zu hören und zu spüren, wer bzw. was mir guttut und wer bzw. was nicht. Ich bin meiner Familie, meinem Therapeuten, Freundinnen, die die Thematik verstehen und den behandelnden Kollegen, die mich als ganzen Menschen sehen und die offen für Neues sind und auch einmal unkonventionelle Wege gehen, unendlich dankbar für deren Unterstützung in vielfältigster Form.
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Beruflich habe ich mich zwischenzeitlich verändert und dem onkologischen Bereich den Rücken gekehrt und es geht mir gut damit. Es macht mich zufriedener, gelassener und schenkt mir vielleicht auch einen versöhnlicheren Umgang mit manch schwierigen Ereignissen der Vergangenheit. Nichts desto trotz finde ich die Organisation rund um den Kinderwunsch und die Vereinbarung mit einer beruflichen Tätigkeit, in der keine Homeoffice-Arbeit möglich ist, herausfordernd. Hier würde ich mir manchmal mehr gesellschaftliche Sichtbarkeit für das Thema des unerfüllten Kinderwunsches wünschen. Im gesellschaftlichen Bewusstsein ist dies, ebenso wie das Thema Fehlgeburt oder Kinderwunsch bei Frauen und Männern (!), die nicht in einer Partnerschaft leben, m.E. völlig unterrepräsentiert.
Mittlerweile habe ich eine acht Wochen alte Nichte und ich liebe dieses Kind! Es tut weh, nach einem Besuch alleine heimzugehen und die Sehnsucht nach einem eigenen Kind zu spüren. Und trotzdem genieße ich jede Sekunde mit meiner Nichte! Auch hier ist es wieder einmal die Ambivalenz der gleichzeitig vorhandenen Gefühle, die es auszuhalten gilt.“ Elena, April 2026